Dienstag, 19. März 2013

19.3.20113, Hatschtag 11: Tel Keshet / Philip Farm - Beit Guvrin (22 km)
Im Schatten Deiner Flügel finde ich Zuflucht, bis das Unheil vorübergeht. (...) Wacht auf, (...) Ich will das Morgenrot wecken. (Psalm 57 (56)).


Mitten im Morgenrot quäle ich mich aus dem Schlafsack. War eine unruhige Nacht neben der Autobahn. Und kkkalt. Um kurz vor vier habe ich festgestellt, dass ohne meine einschläfernd temperamentlose Freundin Dormidiana (von Beruf Anästhesistin am renommierten Louis-Tranquer-Institute) nicht an einen erholsamen Schlaf zu denken ist, also hab ich mir eine eingeworfen. Die wirkt bis jetzt leider nach. Jetzt mach ich mir erstmal ein Cafétscherl auf Glen's Ultraleichtkocher, um die Systeme hochzufahren. Ein Hilfsmittel muss das andere bekämpfen.

Jetzt ist es tatsächlich schon 8:00! Hab 1,5 h gebraucht, um meinen Krempel zu sortieren, Zelt abzubauen und alles zu verpacken! Mist. Dafür geht's jetzt los: Mit Chinasupperl im Magen, Cafétscherl und Koffeintablette im System, hurra - frischwärts!!

Der gestern noch recht merkwürdige Chef des Straßencafés wirkt jetzt auf einmal äußerst freundlich. Läßt seinen frisch gebrühten dreifachen Espresso stehen und überläßt ihn mir. Den Einwand, dass ich bereits meinen Morgenkaffee (plus Coffeintablette) hatte, läßt er nicht gelten: "Then have one more!". Okay. Man muss es lernen, sich auch mal beschenken zu lassen. Ich nehme ihn dankend und versuche, nicht an zitternde Hände und Coffeinschock zu denken. Jetzt aber los.





Ich hoffe, in Beit Guvrin wird mich die letzte Nacht im Zelt erwarten. Ich zelte auf dem INT mehr als auf allen meinen Jakobswegen zusammen. Keine extrem sinnliche Erfahrung, wenn man jeden Tag seine heiße Dusche gewöhnt ist.

Betrete gerade ein Gebiet, das laut dreisprachigem Schild als "Danger! Live Firing Zone!" der IDF gekennzeichnet ist. Direkt über dem Warnschild prangt unmissverständlich die Wegmarkierung für den INT. Was bleibt mir also anderes übrig als mitten ins Live Fire hineinzuhatschen? Wirkung geht vor Deckung. Augen zu und weiter.

Beduinen haben sich gestern abend, nachdem das Cafépersonal weggefahren war, bedient aus dem Straßencafé, ca 20 m von meinem Zelt. In dubio pro reo, also nehme ich an, dass die das durften. Dennoch habe ich meine Wertsachen zur Sicherheit ins Fußende meines Schlafsacks gesteckt.

Die ersten Weinfelder von Lakhish in Sicht! Soll ein bekannter Wein hier herkommen.

Es geht durch eine landwirtschaftlich geprägte Landschaft, die ausschaut wie bei uns daheim. Nur Wirtshäuser, Biergärten, Maibäume und Schweiners gibt's nicht.

Es geht nunmehr nicht mehr nordwärts, sondern primär nach Osten, auf Jerusalem zu. Zum ersten mal sehe ich auf meinem winzigen Navi-Display meinen Standort und Jerusalem auf einer Bildschirmseite. Wenn auch mit extrem großem Maßstab. Schönes Gefühl, meinem Ziel, der Heiligen Stadt, näherzukommen!

In der Ferne höre ich tatsächlich "Live Fire", wohl Einzelfeuer aus Gewehren.

Treffe in einem Eukalyptuswäldchen einen weiteren Shvilisten, Ohad mit Steuerberaterbrille, der von Norden nach Süden unterwegs ist. Wir tauschen Infos aus. Er ist ex-Fallschirmjäger, also quasi Kollege. Feine Gattung, die IDF-Fallschirmtruppe. Der erste Israeli auf dem INT mit vernünftigem Rucksackgewicht. Hat von Beit Guvrin hierher 3 h gebraucht. Muss geflogen sein. Entsprechend flott marschiert er dann auch weiter nach Süden.

Ich muss ziemlich abgenommen haben: Bin den ganzen Tag in Bewegung, esse recht wenig, und trinke kein Bier.


 * Gear-Report*
10 Grad plus markieren wohl das untere Ende der Komfortzone meines Yeti-Daunenschlafsacks. Anders als in der Beschreibung angegeben, die viel niedrigere Temperaturen angab. Aber ich bin auch ein ziemlich verfrorener Typ. Hatte gestern nacht im Schlafsack so gut wie alle Klamotten an, die ich dabeihabe.
Der GVP Ultralightkocher "Gram Cracker" ist ein äußerst fragiles Teil, das man nicht einfach in den Rucksack zu dem anderen Gear schmeißen sollte: Die Fosters-Bierdose, die als Kochtopf dient, hat jetzt an einer Stelle ein Loch. Jetzt kann ich die Dose nicht höher als ca 1/3 l befüllen. Immerhin kriegt man ja auch bei uns die kultigen 1-Liter-Faxe-Bierdosen, damit klappt es ja auch. Freu mich schon drauf, den Inhalt der Dose zu "entsorgen" und damit auch gleich meinem Kocher einen neuen Topf zu spendieren.
Nur wenn der Untergrund schön locker ist - wie gestern abend - kann man das Ultraleichtzelt "Tarptent Virga" wirklich gut und stabil abspannen. Aber auch nur dann. Dann ist es innen auch gleich viel geräumiger. Mittlerweile hab ich mit der Firststange ein Loch in die Firstschlaufe gerissen. Mir ist jetzt absolut klar, dass das Zelt seine große Zeit nunmehr endgültig hinter sich hat.
Man muss sich im Klaren sein, wenn man Ultralight-Gear kauft, dass das Zeug im Durchschnitt 2 lange Touren aushält, mehr nicht. Eintauschen würd ich das Gear dennoch nie mehr wieder gegen meine ursprüngliche Heavy-Duty-Ausstattung von Bundeswehr und Armyshop. Die hält zwar bis zur Pensionierung. Dafür kriegst dabei vom Schleppen jeden Tag einen Bandscheibenvorfall.
Es bringt überhaupt nichts, so dermaßen viel Gewicht in den Rucksack zu packen, dass man keinen Spaß mehr am Gehen hat und sich nur noch nach dem Zeltplatz sehnt. Das Gehen selbst muss die Attraktion sein, auf die man sich schon am Morgen freut. Und das geht wirklich nur mit minimalstem Gewicht.




Fliegen sind hier furchtbar lästig. Scheint eine typische Eigenschaft von sehr schönen, heißen Orten (Südspanien, Mexiko etc) zu sein.

Bin in Lakhish angekommen und mache ein Foto von dem dreisprachigen Ortsschild - es wirkt auf mich noch immer absolut unwirklich, als christlicher Pilger an arabischen Ortstafeln vorbeizukommen. Das erinnert mich immer an das ausgiebige Läufchen mit einem Wiener Kumpel auf der ca. 20 km langen Wiener Donauinsel. Irgendwann kamen wir auf die Höhe einer großen Moschee, nicht weit vom anderen Donauufer, worauf ich erstaunt meinen Lauffreund fragte: "Hoppla, wie weit samma na jetzt g'rennt?!?"

Das muss ja ein edler Tropfen sein, dieser berühmte Wein aus Lakhish - gerade fahren 3 Traktoren zwischen den Weingärten durch, und auf jedem sitzt als Fahrer ein von oben bis unten in ABC-Vollschutzplastik eingewickeltes lustiges Michelinmännchen mit Mundschutz vorm Gesicht. Hinten drauf haben sie je einen großen Tank geladen, wo lustige Totenköpfe draufgedruckt sind, mit hebräischer Schrift. Wahrscheinlich heißt es auf Deutsch: "Unser Wein ist so gut, mit dem kannst Dich echt totsaufen" - oder so?

Tel Lakhish ist wieder ein Hirbet, also ein früher Siedlungshügel, einst die zweitwichtigste Stadt im Königreich Judäa. Hatte auch den Kämpfern um Bar Kochba Unterschlupf gewährt. Habe genug Tels gesehen und marschiere mit einem anerkennenden Nicken vorbei.

Ich sehne mich nach einem normalen warmen Essen. Nach einem bezogenen Bett - und einer Dusche!!! Gibt es denn hier nix von der Sorte? Nur Zeltplätze ohne alles? Sogar in der Wüste war's zivilisierter.

Ich werde den Gedanken nicht los, dass die lustigen Michelinmännchen mit Mundschutz auf ihren Traktoren gar keine Pestizidschleuderer waren, sondern in Wirklichkeit mich nur äußerst diskret und gentlemanlike darauf hinweisen wollten, ich möge doch bitteschön wieder mal ein Bad nehmen...

Für's Mittagessen müssen ein Twix und das wunderbare Beduinenfladenbrot herhalten. Ich erinnere mich an den Schmäh meines russischen Freundes Alexander, der so ein ähnliches Fladenbrot ("Lavasch"), das wir uns als Grundlage für einen Umtrunk bei einem Armenier gekauft hatten, bezeichnet hatte als "armenisches Snickers".

Hinter den Weinbergen in der Ferne wird weiter scharf geschossen.






15:00 - Endlich angekommen in Bet Guvrin, dem heutigen Tagesziel! An Infrastruktur gibt es eine Tankstelle, kombiniert mit einem Restaurant. Dort stille ich meinen Bärenhunger mit einem Shawarma (= Döner), Pommes und einem großen Nahost-Hot-Dog (mit Salat, Hummus, Chilisoße etc - das muss wohl so sein). Dazu gibt's Arizona Ice Tea aus USA, XL Energy Drink und original Guarana-Limo aus Brasilien. Aaahh. Hab gar nicht gemerkt, dass ich die ganze Zeit so einen Appetit mit mir rumgeschleppt hatte.

Wieder sitzt die israelische Society um mich rum: Reservisten mit wilden Uniformen, zT mit zivilen Turnschuhen, ein Zivilist mit verdeckt getragener Pistole unter dem Pullover etc.
Viele Soldaten haben weder Dienstgradabzeichen noch Einheitsabzeichen oder sonstwas an der olivgrünen Uniform. Um als Soldat durchzugehen, braucht man offenbar nicht mehr als ein weißes T-Shirt, die abgewetzte grüne Kombi, und das war's.
So viele Waffen wie hier auch bei Zivilisten im Umlauf sind, da würd sicher keiner blöd schauen, wenn ich ebenfalls demonstrativ eine Glock im Gürtel stecken hätte.
Einmal hab ich mich mit israelischen Shvilisten unterhalten, warum denn in Israel keine Amokläufe oder ähnliche Gewaltverbrechen passieren wie in USA, obwohl pro Nase mindestens so viele Waffen in Umlauf sein dürften. Ihre einleuchtende Antwort: In Israel wird jeder Mann, jede Frau als Soldat zum korrekten Umgang mit der Waffe erzogen. Für Amis sind Waffen hingegen Spielzeuge, mit denen mal halt zum Spaß durch die Gegend ballert.

Ich bin wirklich grade ziemlich am Ende. Unausgeschlafen, ungewaschen, zu viele Nächte im Zelt, tagelang von Fertigpampe und Chips gelebt. Auf Nachfrage in der Tankstelle kriege ich ein paar Telefonnummern von Leuten in die Hand, die "Zimmer" vermieten (das heißt auf Hebräisch tatsächlich genau so!). Eine Dame mit dem schönen Namen Lionet ist eine Vermieterin, die mir ihr sündteures Gästezimmer vermietet und mich auch noch von der Tankstelle abholt. So, und jetzt geht's auf in die Zivilisation!

Die meisten israelischen Vornamen gefallen mir echt gut, zB. Nirit, Shira, Lionet etc.

Jetzt bin ich bereits eingecheckt im "Zimmer" - einem unglaublich stilvoll eingerichteten Ferienhäusl mit kompletter Küche, Whirlpool im Bad, Terrasse etc. Hab mich im Spiegel kaum mehr erkannt, als ich endlich wieder geduscht und rasiert war. Herrlich!

Das "Zimmer" liegt in einem "Moshav", 7 Autominuten vom INT. Ein Moshav ist offenbar so etwas wie ein Kibbutz, aber ohne Kommunismus. Also umzäunt, aber jedem gehört nur sein eigener Kram. So hab ich's verstanden.

Die beiden netten Hausherren werden mich morgen um 7:00 zurück zur Tankstelle fahren, wo sie mich aufgegabelt hatten. Dann wird weitergehatscht.

Die bayrischen Befreiungstruppen stehen bereits ca 60 km vor den Mauern der Heiligen Stadt - Deus lo vult!

227 km sind geschafft!

Montag, 18. März 2013

18.3.2013, Hatschtag 10: Dvir Junction - Tel Keshet / Philip Farm (ca 23 km)

Aufstehen war heut um 5:30, um meinen ganzen Krempel fachgerecht zu packen. Habe das Gefühl, dass ein gewissenhaft und smart gepackter Rucksack erheblich weniger gefühltes Gewicht auf dem Buckel verursacht als ein schlampig gepackter Hinkelstein. 5 l Wasser sind für die heutige Etappe empfohlen. Nicht wenig. Ich nehme 4 l Wasser & 1 l Cola mit. Soviel Luxus muss sein. Der Taxifahrer Jakob, der mich vorgestern abend schon in Dvir mitgenommen hatte, kommt heute früh um 6:30 vorbei, um mich nach Dvir Junction zurück zu fahren. Er kommt pünktlich wie ein deutscher "Jeck". :-)

Die Strecke heute führt durch Felder, an ausgetrockneten Wadis entlang und durch die Pura und Shikma / Tel Keshet Naturparks. Die sollen so schön sein, dass es sich sogar lohnt, den vorgesehenen erheblichen Umweg zu gehen, der im Pilgerführer vorgesehen ist. Der führt nämlich nicht halbwegs direkt zum heutigen Ziel, dem Hügel Tel Keshet, sondern führt eine Ehrenrunde um den ganzen Naturpark herum. Und um zur Übernachtungsmöglichkeit auf dem Campingplatz Philip Farm zu gelangen, muss man nochmals 2 km in die ursprüngliche Richtung (!) zurücklegen.




Unterwegs muss ich deutlich von der markierten Route abweichen, weil ich in der markierten Unterführung wegen Überflutung und Schlamm nicht unter der Autobahn durchkomme. Das Navi ist hierbei Gold wert.

11:00: Jetzt sitze ich grad direkt gegenüber einer von den Türken im Jahr 1915 gebauten und in den 80er Jahren eingestürzten Eisenbahnbrücke und mach ein bissl Pilger-Natopause.

Leider ist viel los im Park, alles voller kreischender Kinderklassen und brüllender Lehrer. Weiß nicht, was schlimmer ist.





Während ich hier im Schneidersitz auf dem Boden sitze und Kinderschokolade esse - die auch in Israel so heißt - fragen mich ca 5 von 20 vorbeigehenden Wanderern, ob's mir gut geht und ob ich auch genug Wasser dabei habe. Entweder ich schaue wirklich so alarmierend hilflos und erbarmungswürdig aus - oder die Israelis sind einfach einzigartig hilfsbereit. Ich hoffe letzteres. :-) Was für liebe Menschen.

Bei frischen 14 Grad losgehatscht heut, dafür kommt jetzt langsam die Sonne raus und das Thermometer - und die Stimmung - steigen, über 20 Grad. Faszinierend, wie unterschiedlich sich die gleiche Temperatur je nach Tagesform anfühlt. 14 Grad in Bewegung am Morgen, frisch gefrühstückt, sind viel komfortabler auszuhalten als 15 Grad am Ende eines anstrengenden, heißen Hatschtages, mit knurrendem Magen, zB. wartend auf einen Bus oder beim Essen machen oder Zelt aufbauen. Sogar 20 Grad können sich je nach Zustand äußerst unangenehm anfühlen.




Ich kann es kaum glauben, aber mein kleines Thermometer am Rucksackriemen zeigt gerade 20 Grad. Bei dem kühlen Lüftchen und den immer wieder vorbeiziehenden Wolken friert es einen dabei fast.

Meine Kilometerperformance hier auf Jesus Trail und INT kann sich natürlich nicht messen mit den auf meinen bisherigen spanischen Jakobswegen üblichen Tagesdistanzen. Dafür sorgt allein schon, dass es hier einfach zu viel zu besichtigen gibt, dass man öfter auf Verkehrsmittel warten muss, dass das Terrain und das Klima oft äußerst fordernd sind und schlußendlich sind die Tagesetappen im INT-Führer eben kürzer bemessen - je nachdem, wo es wieder Wasser gibt. Ganz ehrlich: 40 km in diesen Bedingungen, das bräuchte ich hier nicht. Mir reichen die 20-27 km vollends, um abends wie ein Stein in den Schlafsack zu fallen.  - Weiter geht's. Ultreia!





Ich kann es kaum glauben, aber auf dem Hügel Tel Nagila, ("Hügel" heißt "Tel") auf dem ich gerade sitze und die Aussicht auf die Landschaft genieße, haben schon 4500 vor Christus Menschen gelebt, wie Ausgrabungen ergaben. Und während des jüdischen Aufstandes gegen die Römer unter Simon Bar-Kochba in den Jahren 132-135 n.Chr. zogen sich hier die Kämpfer der Aufständischen zurück. Der einsame Baum mir gegenüber ist eine 400 Jahre alte Akazie. Geschichte atmet hier, rund um mich herum. Hey, ist ja auch das Heilige Land!

Der Aufstand wurde - wie es Rom zu tun pflegte - mit grenzenloser Grausamkeit niedergeschlagen: Etwa 580.000 Juden verloren ihr Leben, 50 Städte und 985 Dörfer wurden zerstört. Für die Dauer von 2000 Jahren wurde das verbliebene Volk der Juden in die weltweite Diaspora zerstreut. Jerusalem wurde als römische Stadt neu aufgebaut, über dem zerstörten Tempel ein Jupiterheiligtum errichtet.




Ich hatte soeben auf dem Plateau des geschichtsträchtigen Tel Nagila, wo ich mir ein asiatisches Nudelsupperl gekocht hatte, meine "15 minutes of fame": gerade als ich meinen Krempel wieder im Rucksack verstauen wollte, kam eine kreischende israelische Jugendgruppe in der Preislage von ca 10-12 Jahren angelaufen, für die ich die Sensation des Tages darstellte, noch cooler als iPhone, Disco, Facebook und Game Boy zusammen: Ein echter Shvilist! Aus Deutschland! Sofort war ich umringt von Teenies, die mir in durchaus verständlichem Englisch Löcher in den Bauch fragten. Während ich noch damit beschäftigt war, (unnötigerweise) ein wachsames Auge auf mein verstreutes Gear zu werfen, kamen ein paar Teenies an und griffen mir ungläubig an die deutschen Fußballerwadln - die in Wirklichkeit noch nie einen einzigen absichtlichen Ballkontakt erlebt haben. Die Worte "Schweinsteiger" und "Podolski" fielen, ich steuerte natürlich das ersehnte Stichwort "Bayern München" bei, und die Party war perfekt. Hab ein paar herzige Bilder geschossen, wo ich grad umringt war von allerhand neugierigen Kids, die sicher allesamt eines Tages eifrige Shvilisten werden. Ich glaube, seit der ausgehenden Bronzezeit war auf dem Tel Nagila keine solche Gaudi mehr.

Spektakulär ist die Landschaft nicht, aber tatsächlich atemberaubend schön. Sanft gewellte Hügel soweit das Auge reicht, viel Grün, dazwischen kleine Eukalyptuswäldchen, wo die Blätter im Nachmittagswind in der Sonne rauschen und rascheln. Herrlich. Es ist ein Vergnügen hier zu hatschen.




Der Tel Keshet, das Ziel der heutigen Etappe, war ebenfalls seit 3500 Jahren bis in die byzantinische Zeit bewohnt. Zu besichtigen gibt es leider nichts mehr. Am Abhang hat ein schafehütender Beduine sein Zelt aufgeschlagen. Seine Hüterhunde tun ihre Pflicht und warnen mich durch Bellen vor dem Näherkommen.

Eine gewisse kalte Dusche stellt sich ein, als es ans Suchen des Nachtlagers geht. Mein schlaues Garmin-Navi spielt wieder mal alle Stückl und hat auch die Suche nach Unterkünften in der Umgebung drauf. Die nächsten richtigen Unterkünfte, die halbwegs in Marschrichtung (Norden bzw. Osten) liegen, sind allerdings ca 20 km entfernt. Dabei ist die nächste größere Stadt, Qiryat Gat, gerade mal 9 km im Norden. Ich mach mich also auf die Suche nach dem Campingplatz "Philip Farm", der für INT-Hatscheranten die einzige Möglichkeit der Übernachtung in der ganzen Gegend ist. Dabei muss ich im letzten Sonnenlicht 2 km nach Süden zurückhatschen, auf einem Wegerl entlang der Autobahn. Die heutige Etappe ist ja nicht zum "Meilen machen" gedacht, sondern zum Schauen. Wieder einmal schlage ich an der völlig falschen Stelle des Farm-Komplexes auf, hatsche umständlichst zwischen Tiergehegen und Farmhäusern herum, spreche beruhigend auf wachsame, aber gottlob gutmütige freilaufende Wachhunde ein, frage mich bei halbwegs Englisch sprechenden Farmern und bei einer absolut kein Englisch sprechenden, sehr netten Beduinendame durch, bis ich endlich das richtige Gelände identifiziert habe. Die Beschreibung im INT-Führer kriegt dafür echt keinen von 5 möglichen Punkten.






Es stellt sich raus, dass "Philip Farm" schlicht ein Open Air-Strasencafé für sie Reisenden auf der Autobahn direkt daneben ist, und auf dem Rasen daneben darf ich mein Zelt aufschlagen.

Immerhin darf man als Shvilist ein überraschend zivilisiertes Klo benutzen und sich vom Wasserhahn bedienen. Und kosten tut's gar nix. Weiterer Vorteil: Weil es jetzt gerade wirklich a...kalt wird, verkrieche ich mich bereits jetzt, um 19:00, im Daunenschlafsack. Das heißt, morgen bin ich wohl zum 1. Mal so richtig ausgeschlafen.

Die Jungs, die das Café betreuen, sind jetzt wieder weggefahren. Es wird dunkel und einsam.

So echte Camping-Romantik mag nicht aufkommen: Ich liege mutterseelenallein in meinem Zelt auf einem verlassenen Rastplatz im Gras, 50 m neben mir die Autonbahn, weit und breit nichts, was einem so etwas wie Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Und das Thermometer fällt Richtung einstellig. Jetzt kommt zum 1. Mal die neu angeschaffte Ultralight-Daunenjacke von Yeti zum Einsatz.  Im Schlafsack. Und wieder mal die etwas tuntigen Lauftights, die ich mir in Arad gekauft habe (der INT heisst ja schließlich "shvil", also bin ich passend - nämlich "warm" - angezogen) ;-)




Angst habe ich gleichwohl nicht. Warum weiß ich selber nicht. Ich habe mir in den letzten beiden Wochen einfach abgewöhnt, hinter allem etwas gefährliches oder böses zu vermuten. Ich wurde in Israel sehr oft von den Menschen positiv überrascht, wenn ich zunächst argwöhnisch war.

Hierzu ein passender Psalm, der mich sehr berührt, über den "Hüter Israels":

Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten: er steht dir zur Seite. Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht. Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben. Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit. (Psalm 121 (120))

Gute Nacht allen daheim!

205 km sind geschafft!

Sonntag, 17. März 2013



17.3.2013: Pausentag in Be'er Sheva

Hab mein Zimmer im Motel in Be'er Sheva um 1 Nacht verlängert. Bin echt nicht in der Stimmung, ohne weitere Aufenthalte in der Zivilisation bis Jerusalem durchzuhatschen, jede Nacht im Zelt bzw unter freiem Himmel auf der Grünfläche von schwerbewaffneten Kibbutzniks.

Be'er Sheva ist zwar in den Ursprüngen alt. Aber in der Substanz eine neue Stadt von 1908, aus der Osmanenzeit.
Die Damen von der Rezeption des Motels schauen mich mit dem A... an und sind insgesamt sehr unfreundlich. Krasser Gegensatz dazu: Zwei Mädels vom Kunstmuseum. Die sind der Traum! Geben mir eine Karte an die Hand, erklären mir jeden wichtigen Punkt der Stadt, behandeln mich wie einen guten Freund. Eine davon ist selber ex-Shvilistin. Das Kunstmuseum war einmal eine Moschee, seit 20 Jahren gibt es Gerichtsstreitigkeiten um die Rückgabe.

Die Fußgängerzone ist ein Paradies für den hungrigen Falafelfreund. Allerdings ist das Ambiente ein bisserl "bröslig", wie hinterm Münchner Hauptbahnhof. Leute, die auf die Straße spucken, grantige Leute, Bettler, die nur das eine Wort "Shekel" rausbringen, im Gehen rauchende Teenager, viele etwas derbe Russinnen mit auberginrot hochtoupierten Haaren (die Schilder an vielen Geschäften sind zweisprachig: Hebräisch und Russisch!), dazu Eritreer in Joggingklamotten wie damals Ali G.

Hab heut ein dichtes Programm: Wäsche waschen, Handy-Guthaben für israelische SIM-Karte aufladen, Kirche finden (Sonntag), ausgerissenen Daypack reparieren lassen.

Es soll weiter kühl bleiben, um die 20 Grad. Aber schön, ohne Regen.






Auf dem Markt in den Markthallen geht es exakt so zu wie auf jedem anderen südländischen Markt: Exotische Gerüche, Gefeilsche, kritische Kunden. Bemerkenswert: Voll verschleierte Beduinenmuttis kaufen ungeniert ein bei orthodoxen Juden mit Kippa und Rauschebart. Weiß nicht, ob sowas in Deutschland denkbar wäre. Um den besten Deal zu ergattern, werden hier kulturelle Grenzen konsequent ignoriert, scheint mir.


Auf meiner gestern fachgerecht geflickten Blase läuft sich's wieder wie auf Wolken. Bin schon etwas stolz auf meine solide medizinische Handwerkskunst. Dafür, dass ich damals mit Pauken & Trompeten durch den Medizinertest gerasselt bin...

Ich frage eine Dame im Einkaufszentrum:
"Excuse me, is there a cash machine?"
Sie: "Ok... - do you see a pink dinosaur?"
Ich: "Ääh... No... Usually I don't see pink dinosaurs."
Sie (lachend): "It's "right behind the pink dinosaur" (und da stand tatsächlich ein rosa Dinosaurier für Kinder zum Draufrumreiten. :-)

Einige Quick Facts aus Wikipedia über Be'er Sheva (hebräisch: ‏באר שבע‎, arabisch:  ‏بئر السبع‎): Be'er Sheva gilt als „Hauptstadt der Wüste Negev“. Die heutige Stadt ist überwiegend erst wenige Jahrzehnte alt. Schnee kommt nur wenige Male pro Jahrhundert vor. Im Frühling treten hier angeblich häufig massive Staubstürme auf. In der Bibel wird Be'er Sheva mehrfach im Zusammenhang mit den Patriarchen Abraham und Isaak erwähnt. Im 1. Buch Mose wird geschildert, wie Abraham einen Bund mit Abimelech schließt und dadurch einen von ihm gegrabenen Brunnen ungestört nutzen kann (Gen 21,22 EU).

Ich hätte mir eigentlich gedacht, dass die Abrahamsquelle (Be'er Avraham) die größte Sehenswürdigkeit des Ortes wäre. Immerhin ist Abraham eine zentrale Figur für alle drei Buchreligionen. Allerdings wird das moderne Gebäude um die Quelle herum gerade als Besucherzentrum ausgebaut. Daher alles geschlossen. Zudem liegt die Quelle nicht einsehbar direkt an der Hauptverkehrsstraße, wo die Laster vorbeidonnern, direkt nebenan zu einer Domino's Pizza Filiale. Etwas ernüchternd alles.

Nach der Darstellung der Bibel lag später bei Be'er Sheva die Südgrenze des israelitischen Siedlungsgebiets (Ri 20,1 EU). Ausgrabungen ergaben, dass ab 1100 v.Chr. eine stark befestigte israelitische Stadt existierte. Auch in späteren Jahrhunderten war die Stadt besiedelt durch Truppen der Makkabäer, Römer und Byzantiner. Nach der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert verfiel die Stadt. Erst Maßnahmen der Türken führten um 1900 zu einer neuen Blüte.  







Weil die Hamasterroristen aus dem nahen Gazastreifen gerne hin & wieder mit Raketen auf Be'er Sheva feuern, hat die israelische Armee Iron Dome-Abfangraketen nahe der Stadt stationiert, die offenbar ihre Aufgabe recht gut erfüllen. Wie das im Ernstfall aussieht und wie gelassen die Einwohner bei einem scharfen Fliegeralarm reagieren, das veranschaulicht eindrucksvoll dieses Video:http://www.jewishpress.com/news/breaking-news/watch-12-iron-dome-interceptions-over-beer-sheva/2012/11/15/?src=ataglance

Eine katholische Kirche sollte es nach einer Online-Recherche der beiden wahnsinnig lieben Mädels vom Kunstmuseum in der Hagar-Straße geben (die eindeutig nach dem langjährigen Sänger von Van Halen, Sammy Hagar, benannt ist :-)). Allerdings finde ich dort leider rein gar nix, was halbwegs katholisch ausschaut. Also muss die heutige Sonntagsmesse leider ausfallen. Ich denke, ein Pilger darf das.

Insgesamt wirkt die Stadt recht schäbig. Allerdings wird an allen Ecken gebaut und ausgebessert. Die Stadt ist so angelegt, dass die Bevölkerungszahl noch erheblich wachsen kann. Das Potenzial - auch als künftiges Ziel oder Durchgangsziel für Touristen - sieht man ihr an. Sogar an einen "Abrahamsweg" in Anlehnung an den Camino de Santiago ist angeblich gedacht: http://www.israelnetz.com/gesellschaft/detailansicht/aktuell/pilgerpfad-auf-abrahams-spuren/

Ich empfinde die Stadt als äußerst willkommenen Aussenposten der Zivilisation in der Negevwüste. Ca. 110 km jeweils von Tel Aviv und von Jerusalem entfernt. Und mein letzter großer Boxenstop, bevor es in die Heilige Stadt weitergeht.

Dass im McDonalds ein Sicherheitsmensch an der Glastür sitzt, am Gürtel eine Knarre, daran kann man sich ja noch gewöhnen. Dass der McDonalds voller Soldaten mit Sturmgewehren ist, auch. (Gegen seine Gäste ist der Türhüter geradezu lächerlich unterbewaffnet).
Und jetzt das:
Auf dem Weg zurück ins Hostel in der Stadt: Ein Israeli in Zivil, T-Shirt, olivgrüne extraweite Hose, Kippa auf, geht hastig vorbei. Ich kann es kaum glauben, aber im hinteren Hosenbund steckt tatsächlich ein Colt! Zivilisten sind hier auch bewaffnet wie im Kibbutz?!

Hab mir morgen um 6:30 ein Taxi zurück nach Dvir bestellt. Dann wird weiter nach Jerusalem gehatscht, juchu!


Psalm 122 (121):

Ich freue mich, als man mir sagte: "Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern. Schon stehen wir vor Deinen Toren, Jerusalem. (...) Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit.

16.3.2013, Hatschtag 9: Meitar - Kibbutz Dvir (ca 23 km)

Ich breche etwas später auf, gegen 7:30, weil die heutige Strecke nicht so lang ist und es stark abgekühlt hat. Kein Bedürfnis, im Morgengrauen loszugehen, um der Mittagshitze zuvor zu kommen.

Der INT führt lange am Grenzzaun zum palästinensischen Westjordanland vorbei. Wirkt ein bissl wie die Berliner Mauer. Der Zaun hat einige Löcher, durch die immer wieder Menschen (angeblich Arbeitspendler, keine Kriminellen oder Terroristen) und Güter geschmuggelt werden, angeblich hauptsächlich von Beduinen. Weil davon aber bislang keine echte Gefahr ausgeht, läßt man die Löcher wie sie sind. Das Verfahren erinnert ein bissl an den Süden der USA, der mittlerweile wirtschaftlich sehr stark von den illegalen Einwanderern abhängig ist.

Es ist schwer zu glauben, aber ich bin immer noch in der Negevwüste. Die Landschaft ist nur jetzt im Frühling so schön grün, ansonsten gelb oder braun verbrannt.

Während ich dies tippe, auf einem Hügel mit Blick auf den Grenzzaun, laufen doch tatsächlich ca 200 m vor mir 2-3 Menschen illegal durch ein Loch im Zaun und werden pünktlich auf israelischer Seite von einem Schmuggler im Auto abgeholt. Ohne Schmäh!




FOTO:  Die Grenzanlagen zur West Bank - auf der Strasse entfernt sich gerade - in flagranti - das Schleuserauto mit den illegalen Grenzgängern! Den Draht / Stacheldrahtzaun sieht man nur schlecht.


Kurz nachdem ich aus Fadesse blödelnd mit meinem Fotostativ in Pirschhaltung (wie mit einem Gewehr) durch den Wald gelatscht bin, um mir die Langeweile des Gehens zu vertreiben, spricht mich aus dem Nichts ein mit einem Mini-Tavor Sturmgewehr bewaffneter und bebrillter Steuerberater in der Uniform eines IDF-Soldaten an, in voller Kampfausrüstung, der dort mit einem Kameraden am Waldrand gegenüber der Grenze zur West Bank in einem schwer einsehbaren Beobachtungsposten lag. Als ich ihm erkläre, was ich hier treibe, ist er sehr nett und läßt sich auf einen kleinen Plausch ein.

Unsicher fühlt man sich hier in Grenznähe eigentlich nicht. Eher überwacht. Die Sicherung der Kibbutzim dient ja, wie ich erfahren habe, mehr der Sicherung des Eigentums an zB. Landmaschinen als der Abwehr palästinensischer Gewalttäter.

Kurze Zeit später nähere ich mich dem mit Stacheldrahtzaun abgesicherten Kibbutz Lahav, das in Sichtweite zur Grenzlinie liegt. Von seinem Pickup aus erspäht mich Josef, ein liebenswürdiger Beduine, der zusammen mit seinen beiden wirklich herzigen, schwarzäugigen Buben in einem Zelt wohnt, das wie ein Ausguck die Felder im Grenzland überblickt. Er nimmt mich in seinem Pickup zu seinem Zeit mit und bietet mir verschreibungspflichtig starken arabischen Kaffee an, zusammen mit einem an seinem Ofen frisch ausgebackenen, herrlich dünnen Beduinenbrot - ein echter Traum! Obwohl er selbst kaum etwas zum Leben hat, wie es scheint. Er arbeitet hier während der Woche auf den Feldern - so verstehe ich ihn - und wohnt ansonsten in Be'er Sheva, wo sich auch viele Beduinen niedergelassen haben. Ein Kaffee für Gäste, das ist das traditionelle Symbol beduinischer Gastfreundschaft, die ihnen hoch und heilig ist. Ich bin wieder einmal sehr gerührt und versuche mich mit dem Geschenk von Doritos-Chips und Cachew-Nüssen an seine beiden Buben zu revanchieren. Was für ein lieber, gastfreundlicher Mann. Was für ein sympathischer Menschenschlag. Wir sprechen kaum 3-4 Worte in der gleichen Sprache und können uns dennoch so halbwegs verständlich machen.
Josef hat den höchsten denkbaren Standard für Gastfreunschaft gegenüber einem wildfremden Menschen noch einmal angehoben. Das sind Eindrücke, die bleiben. Wahrscheinlich mein Leben lang.

Gleich hinter dem Zelt von Josef liegt das Joe Alon Center mit dem Museum über das kulturelle Erbe der Beduinen. Es gibt dort viel zu lernen und bestaunen. Immerhin ist jeder 4. Bewohner der Negevwüste Beduine. Ein waschechter Beduine mit dem "Scheich"-Kopftuch Kafiya bietet mir bei einem zur Demonstration aufgestellten Gästezelt aus Ziegenhaar (das wegen des Fettgehalts der Haare sogar wasserdicht ist) einen weiteren Kaffee an und verabreicht mir einen weiteren Koffeinschock.
Ich habe schon wieder das Lied "Fata Morgana von EAV im Kopf und muss öfter mal grinsen, singe sogar verstohlen mit, wenn keiner herschaut.
Die Gastfreundschaft der Beduinen geht so weit, dass selbst Angehörige eines verfeindeten Stammes bei ihnen Unterkunft bekommen, bis sie wieder gehen. Dieses Recht besteht für dreieindrittel Tage. Anhand des Aufwandes, der bei der Gästebewirtung betrieben wird, bemißt sich Ehre und Ansehen des Gastgebers. Es kann passieren, dass der Gastgeber in seiner Not, weil er keine Ziege zur Hand hat, ein Kamel schlachten muss. Dem Gast obliegt es im Gegenzug, unentwegt den Gastgeber und seine Großzügigkeit zu preisen. Gastfreundschaft ist jedoch kein altruistischer Selbstzweck, sondern eine wechselseitige Lebensversicherung bei den Nomaden in der Wüste.




FOTO: Ich vor den Grenzanlagen. Zwischen den Zäunen fahren gelegentlich Patrouillen.


 Wenn man in Deutschland von Israel hört, denkt man in erster Linie an jüdische Israelis und an moslemische Palästinenser, also Araber. Beduinen (ebenfalls Araber) sind wiederum ein eigenes Volk, das gleichberechtigt im Heiligen Land siedelt. Die israelische Armee verfügt über spezielle Einheiten aus (freiwillig dienenden) Beduinen, insbesondere als Spurensucher. Und ebenso vergißt man gemeinhin die christlichen Araber und die Drusen, die sogar regulär in den IDF dienen - und den enthnisch-kulturellen Fleckerlteppich des Heiligen Landes abrunden.

Als ich gestern mit meinem lieben Gastgeber Baoz über Geschichtliches geplaudert habe, ist mir ein lustiger Versprecher passiert: Ich erwähnte die Schlacht von Hattin, wo "The cruisaders fought against Saladin - and we lost". --- "WE?!" Auweia. :-)


Am Ende dieses unmotivierten Hatschtages noch eine endlose Suche nach dem Eingang zu Kibbutz Dvir, das die Ausmaße eines Flughafens hat. Das Eingangstor mit Wärterhäuschen ist genau auf der dem INT abgewandten Seite des Stacheldraht-Sicherheitszaunes. Kostet ca 2 km extra. Und dafür darf ich dann auf dem Hochsicherheitsrasen des Kibbutz mein Zelt aufschlagen, bei der Affenkälte, die langsam aufzieht. Nein - Heut hab ich keinen Bock mehr auf eine weitere Nacht im Zelt.

Hatte heute ein deutliches Motivationstief: Zu spät losmarschiert, zu kalter Wind (15-20 Grad, bei solchen Temperaturen frier ich mittlerweile wie ein Schneider), zu wenig gegessen, zu lange Pausen, zu wenig geschlafen (um 5:00 früh im Schlafsack unter freiem Himmel von Regentropfen geweckt worden), demotiviert, weil in den nächsten Tagesetappen wieder nur Zelt- und Kibbutzübernachtungen anstehen und kaum Einkaufsmöglichkeiten für Proviant bestehen (das heißt mehr rumschleppen) etc. Und mein Rucksack mit 4 l Wasser und mit reichlich vorsorglich eingekauften Lebensmitteln lag heute den ganzen Tag wie reines Blei auf meinen Schultern. Man kriegt merkwürdige Muskelschmerzen an den Außenseiten der Hüftgelenke von der Schlepperei. Ich hab mir wohl auch meine erste Blase gelaufen heut. Wie man unschwer erkennen kann: Ich war schonmal besser drauf.

Sitz grad an der Bushaltestelle nahe der Beduinenstadt Rahad & warte auf einen Bus, ein Sammeltaxi (Sherut) oder sonstwas, mit dem ich nach Be'er Sheva zurück fahren könnte. Ich komme mir vor als würde ich jede Minute mit dem Hintern an der Betonbank vom Bushäusl festfrieren in dem kalten Wüstenwind.





FOTO: Der INT, kurz vor Dvir. Ja, die Stimmung war im Eimer.



Endlich hält ein Taxi. Es ist schon fast voll, ich darf mich mit reinrutschen. Kostet dann nicht ganz so viel, wir teilen uns quasi die Kosten bis Be'er Sheva.

Bin in einer Jugendherberge / Motel in Be'er Sheva abgestiegen. Es kommt selten vor, aber ich war echt zu geizig, um ins noble Leonardo-Hotel zu gehen, das um die 200€ pro Nacht kostet (die einzige Alternative im Ort). Ein pfennigfuchsender Sparefroh war ich echt nie, aber das war mir doch zu mondän, dafür dass ich im Wesentlichen ein bezogenes Bett und eine heiße Dusche suche.

Sitze jetzt gerade in einem Wok-Laden und lasse mir Spicy Chicken anbrutzeln. Die Flammen im Wok schießen bis fast zur Ladendecke. - Grande spettaculo! Ich möchte meinen Kurzaufenthalt in der Großstadt Be'er Sheva dazu nutzen, möglichst viel von dem zu essen, was ich die nächsten Tage am wenigsten kriegen werde. Hunger! Her mit dem Chicken!

Am liebsten würde ich einfach einen Tag lang gar nix machen, einfach meine mitgebrachten Zeitschriften bzw. mein Buch lesen (den Krempel schlepp ich seit 10 Tagen ungelesen mit mir rum!!) und in Ruhe den Rest meiner Jerusalemtour planen. Aber dann würde mir ein Hatschtag fehlen, was mein rechtzeitiges Ankommen gefährden könnte. Irgendwie komm ich hier zu kaum einer Stunde Muße. Die Tage sind so kurz. Das Tageslicht ist um 18:00 schon wieder weg, wenn man um 5:00 früh raus muss, sollte man spätestens um 22:00 in den Federn sein. Wenn dazwischen noch ein Zelt aufzubauen und Abendessen zu kochen ist, bleibt echt nimmer viel über.

Beim abendlichen Studium der verbleibenden INT-Strecke fällt mir auf, dass irgendwas mit den Kilometerangaben nicht stimmen kann. Der INT macht - in Anpassung an die West Bank, die er nicht berührt - eine Kurve, die ganz nahe an Jerusalem heranführt, und geht dann über in den Jerusalem Trail, der zusätzlich nochmal 40 km beschert. Das kann nicht stimmen, das ist viel zu weit zur Stadt. Im Reiseführer ist auch keine Übersichtskarte des Jerusalem Trail abgedruckt. Hier hilft wieder mal ein Blick ins Internet über meinen Blackberry weiter: Der Jerusalem Trail ist ein Rundweg mit einer ausladenden Ehrenrunde um Jerusalem herum! Ok, dann schaut mein Zeitplan gleich wieder viel entspannter aus. Die Ehrenrunde um das Pilgerziel herum werd ich mir mangels beim Zieleinlauf applaudierender Massen schenken und stattdessen einfach diejenigen Punkte in der Stadt anschauen, die mich interessieren. Viel Bibel. Viel Geschichte. Viel Ruhe.

Und morgen gibt's viel zu planen, zu sehen und zu organisieren in der Wüstenstadt Be'er Sheva.

Heute sind 182 km geschafft!




15.3.2012, Hatschtag 8: Kibbutz Amasa - Meitar (23 km)


"(...) bis zu den Enden der Erde. Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam. Sie frohlockt wie ein Held und läuft ihre Bahn." (Psalm 19 (18))

Die Psalmstelle passt zu diesem sonnigen, hochsommerähnlichen Tag perfekt. Es wird ein Gipfel an Sonne und Hitze werden.

Leider bin ich nur äußerst schwer aus den Federn gekommen. Die Interrailkiddies haben mich gestern lange mit hebräischen Schnulzen um die abendliche Ruhe geklampft und verhindert, dass ich konzentriert meine Hatschplanung für heute angehen kann. Beim Einschlafen hat mir meine gute Freundin Dormidiana (Doxilamin 25 mg) geholfen, ein Mitbringsel aus Spanien. Knockt Dich zuverlässig aus in der Siesta unter einem Olivenbaum, in anderen ungemütlichen Lagen und immer dann, wenn Du Schlaf dringend brauchst. Je älter ich werde, desto schwieriger fällt mir das Ein- und Durchschlafen im Zelt. In Israel fällt mir das allerdings nicht so schwer - außer es klampfen und singen 2 m nebenan die Damen und Herren. Ich vermisse abends durchaus des öfteren meine Privatsphäre. Ist auch der Grund, warum ich überlaufene Caminos wie den Camino Francés nie mehr gehen würde. Wenn man Freunde gewinnen will und gerne gemeinsam kocht, ist es großartig, aber zum kontemplativen Abschalten echt kontraproduktiv.

Jetzt zum munterwerden ist mangels eines Caféhauses eine Coffeintablette indiziert. Meine kleinen "Uppers" & "Downers" trage ich immer griffbereit in meinem Wimmerl. Hat sich bewährt.







Woran erkennt man äußerlich einen echten Die-Hard-Pilger? Ihm ist es vollkommen wurscht wie er ausschaut und hatscht grundsätzlich nur in Funktionsfaser. Er hat über die Jahre bewährte, extrem leichte multi-use Ausrüstung, alles wichtige griffbereit am Vorderkörper (Pilgerführer, Kompass, Kamera, Geld, Pfefferspray etc) und er trinkt immer wieder über den Tag verteilt portionsweise aus einem Trinksystem.

Pustekuchen bei den israelischen Wanderern: Die tragen auf ihrem INT durch das gesamte Israel urschwere low-tech Rucksäcke, haben Baumwollklamotten an, trinken aus Flaschen, die sie am / im Rucksack verstauen müssen und schleppen auch noch Musikinstrumente wie Flöten oder Gitarren (!) durch die Botanik! Das sind echte Die-Hards.

Baumwollstoff hat einen sehr schlechten Ruf bei Outdoor-Freaks, weil sie feucht nicht mehr wärmt und nur schwer trocknet. US-Rettungsteams, die regelmäßig Baumwoll-ausgerüsteten Trekkern aus der Patsche (= Unterkühlung) helfen müssen, nennen das Gewebe "death fabric".

Ich habe mir bei Francesco den Trick abgeschaut, das jeweils einschlägige Blatt mit Landkarte und Tourenbeschreibung des jeweiligen Pilgertages rauszureißen und vorne am Körper in einer wasserdichten Klarsichthülle zu tragen. Praktischer geht's kaum. Schaut halt saudumm aus. Wurscht.

Jemand, der den Shvil Israel (INT) hatscht, heißt übrigens "Shvilist". Mehrere Shvilisten heißen "Shvilistim". Hebräisch kann so einfach sein.

Bleibe heute nacht bei Trail Angel Boaz in Meitar. Konnte online in dem Ort keine Hotels oder Pensionen finden. Er klingt am Telefon extrem nett.

Wenngleich ich mich gefreut habe über die etwas hemdsärmelige Gastfreundschaft im Kibbutz Amasa gestern (sie stellen den Shvilisten einen ratzigen Raum mit unbezogenen Schaumstoffmatratzen zur Verfügung), so hat mich doch das dortige Klima der Angst und des Misstrauens gestört. Angeblich richtet sich ihre Wehrhaftigkeit nicht gegen Palästinenser, sondern gegen klauende Beduinen. Sind das die Kibbutzim, wo deutsche Friedensbewegte so gerne unentgeltlich arbeiten, Vergangenheit bewältigen und Dialog suchen, idealerweise über einer dampfenden Schüssel mit irgendwelchen vegano-biodynamischen "Kerndln"?? Merkwürdiger Ort für eine solche Zielgruppe.

Mir scheint, die wehrhaften Kibbutzniks mit ihrer robusten Einstellung brauchen überhaupt keine alliierte Hilfe von außen. Und schon gar nicht brauchen sie weltverbessernde, missionierende Flagellanten. Israel konnte sich selber immer schon am besten helfen.

Heatwave: wohl nicht dramatsicher als gestern. Momentan 32 Grad. Ab morgen soll's kalt und zT regnerisch werden.






Gehe ab jetzt nicht mehr nach Norden, sondern westwärts, um mich an der südlichlichen Grenze des Westjordanlandes entlang zu arbeiten. In einer Rechtskurve werde ich mich dann auf Jerusalem zubewegen.

Heute geht's durch einen duftenden Pinienwald, tendenziell bergab.

9:00 früh: 32 Grad.

Der INT ist definitiv kein Einsteigerpilgerweg. Man sollte sich vorher bereits sehr gut kennen und seine Grenzen an Marschleistung und Hitzetoleranz ausgelotet haben. Es ist ein Glücksfall, dass ich mit dem INT einen schönen Pilgerweg gefunden habe (der jedoch für Israelis ein reiner säkularer Fernwanderweg ist). Denn der INT bietet dem Pilger eine Infrastruktur (Übernachtung, Wegmarkierung, Wasserstellen), die - zumindest außerhalb des Negev - mit den nicht allzu populären Varianten des Camino de Santiago (zB. Via de la Plata) durchaus vergleichbar ist.

Im INT-Führer wird empfohlen, einige Wochen vor dem Hatsch das Hatschen mit Rucksack zu trainieren ist meines Erachtens  ein Schmarrn. Das Training für den Weg ist die Woche Nr. 1 auf dem Weg. Danach ist man in der Regel schmerzfrei.

Wie durch ein Wunder hab ich mir noch keine Blasen gelaufen! Ebenso hab ich keinerlei Probleme mit meiner Achillessehne, die ich mir vor genau 1 Jahr angerissen habe. Für mich ein echtes Wunder, bei all den Folgekomplikationen, die ich ausgestanden habe, um wieder ins Rennen reinzukommen.

Wanderer, die mir entgegenkommen, kündigen für Nachmittag 40 Grad an. Frage mich, was ich mit der Info anfangen soll. Habe eh keine Alternativen als bis zum heutigen Ziel stumpf weiterzuhatschen. Die Option, mich mit Anzugserleichterung und einem kühlen Drink ins Freibad zu legen, hab ich hier eh nicht.

Das im Führer extrem ungenau beschriebene Fosthaus, wo man Wasser nachfüllen kann, angeblich nach 8 km (1/3 der heutigen Strecke) - habe ich verpaßt!! Und das wegen ausschließlich hebräischer Beschriftungstafeln. Mist! Jetzt muss ich mit meinen (derzeit) 2-3 l für den Rest des heißen Tages auskommen.

Kurz verlaufen - keine Wegmarkierungen - GPS - zurückgehatscht.

Du weißt, Du bist schon zu lange Pilger, wenn...
...Du Dir Deine Kaffeesorte nicht nach Geschmack, sondern nach Wirkung aussuchst. Genau das bräuchte ich jetzt: einen doppelten Espresso!







Der INT läst keine einzige Steigung, keinen Hügel, uns auch nicht den kleinsten Anstieg aus. Es geht rauf und wieder runter in dieser schönen Landschaft, wie in einer Achterbahn. Von oben auf den Hügeln erkennt man bisweilen flachere Wegalternativen, die der Shvil Israel bewußt vermeidet. Was er stattdessen bietet: Immer nur feste rauf & runter!

Ich komme vorbei an mehreren 2000 jahre alten Siedlungsruinen (Hirbet). Die Bauten stammen von Juden, die nach der Zerstörung des Tempels und Jerusalems hier im Negev Zuflucht gefunden haben. Man sieht sogar noch begehbare Gewölbe. Niemand scheint sich um Ausgrabungen zu kümmern. Hey, wir sind im Heiligen Land. Da könnte man sich überall einen Wolf graben, wenn man möchte.

Ich glaube es kaum: Mitten in der Mittagshitze kommt ein junger Mann aus dem Feld auf mich zu, wahrscheinlich ein Beduine, und labert mich voll. Beduinen erkennt man in der Regel daran, dass sie kein Englisch können, daher gestaltet sich auch unsere Kommunikation eher schwierig. Ich verstehe, dass er was zu trinken will - von einem Wanderer?! Ok, ich gebe ihm meinen Reserve-Wasserbeutel mit ca 1/3 l Wasser, den er dankend, aber doch recht ungeniert aus dem Stand wegzieht. Nachdem ich heute an der Wasser-Nachfüllmöglichkeit beim Forsthaus irrtümlich vorbeigehatscht bin und nur noch 1-2 l für den Rest des glutheißen Tages habe, ist mein Geschenk nicht unriskant für mich. Aber wer würde jemandem Wasser verweigern, der Durst hat?

Ich muss manchmal mit einem deutlichen Schmunzeln an das Lied "Fata Morgana" von EAV denken mit dem unerreicht sinnfreien Reim: "Ein alter Beduine saß auf einer Düne, biß in die Zechine und sprach "Inshallah - Oh Effendi, man nennt mich Hadschi Halef Ibrahim..." Etc.

So, jetzt ist es 14:30 und es hat sportlich-ambitionierte 38 Grad. "Schweißfrei" ist was anderes. Beim Tippen fallen Schweißtropfen auf die Blackberry-Tastatur.

Abends bin ich zu Gast im Garten von Boaz und seiner Familie. Boaz ist ein sog. Trail Angel. Das sind Freiwillige (wohl in der Regel INT-Veteranen), die ihre Gärten und Häuser den vorbeihatschenden Shvilisten zum Übernachten zur Verfügung stellen. Ich habe die wohl nettesten Trail Angels auf dem ganzen INT erwischt, mit entzückenden Kindern und einem sehr streichelbedürftigen Hund namens Hummus.
Abends bin ich mit ihnen eingeladen zum Essen bei ihrem Freund Doda nebenan. Ich kann es fast nicht glauben, mit welcher Gastfreundschaft man hier als komplett Fremder empfangen wird, wie man mit offenen Armen gleichsam in die Familie integriert wird. Es beschämt mich sehr, dass ich im Gegenzug nichts anzubieten habe. Es ist manchmal eine Kunst, sich so reich beschenken zu lassen. Und man sollte es auch annehmen. Vielleicht kann man sich eines Tages dadurch "revanchieren", dass man ebenfalls ein gastfreundliches Haus hat, Fremde aufnimmt, immer für Freunde und Gäste eine offene Tür hat?








Ich habe Glück: Weil Sabbat ist und alle Geschäfte geschlossen sind, fährt mich Tali, Boaz' ebenfalls sehr nette Frau, zur Tankstelle zum Vorräte kaufen. Normalerweise ist Sabbat für einen Pilger der Horror-Tag: Man sollte niemanden anrufen, man kommt fast nirgends unter, man kriegt nix zu kaufen. Erinnert mich an das Gedicht "Herbsttag" von Rilke (mit kleinen Anpassungen):

Herr: es ist Sabbat. Der Weg war sehr lang. (...)
Wer jetzt kein Haus hat, findet keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Blogs schreiben
und wird in dem Camino hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Ich würde gerne öfter in Pensionen oder Hotels absteigen, aber davon gibt es scheinbar kaum mehr welche bis Jerusalem. Also muss ich die Gastfreundschaft der Trail Angels noch ein paarmal in Anspruch nehmen.

Ich lese, dass heute, am Höhepunkt der Hitzewelle, der Tel Aviv Marathon wegen der ungewöhnlichen Hitze nur als Halbmarathon ausgetragen wurde, mit 35.000 Teilnehmern. Ergebnis: 1 Toter, 34 im Krankenhaus wegen Dehydrierung und Hitzschlag, 5 davon unter Beatmung - obwohl das Rennen schon um 9:30 früh zuende war. Die schlimmste Hitze mit 36 Grad entstand erst nach dem Rennen. Der Tote ist ein Major der IDF aus Be'er Sheva im Negev, angeblich in guter Form und ein guter Läufer - vor einem Monat Papa geworden. Furchtbar.

Muss aufpassen, auch das Hatschen mit Rucksack bergauf, bergab in der Bruthitze ist nicht ganz harmlos. Angst habe ich dennoch keine, weil ich schon so oft im hochsommerlichen Spanien mit Rucksack unterwegs war - und die Hitze und die Sonne jedesmal in vollen Zügen genossen habe statt darunter zu leiden. Da spürt man noch intensiver, dass man am Leben ist.

Israelische Mithatscher (Co-Shvilisten) haben mir gesagt, dass die Strecke bis Jerusalem in der verbleibenden Woche gut zu schaffen sein sollte. Na dann mal auf in die Heilige Stadt mit einem donnernden "Deus lo vult!" :-)

159 km sind geschafft!